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Den Wandel der Arbeitswelt gestalten

Unsere Arbeitswelt, die Art und Weise, wie wir arbeiten, befindet sich in einem umwälzenden Wandel. Wir alle, die wir tagtäglich Pakete ausliefern, Haare schneiden, Kinder erziehen, Menschen pflegen, Texte schreiben, Musik machen, Autos reparieren, Daten bearbeiten oder Chemikalien herstellen, merken das. Das führt bei vielen Menschen zu Unsicherheit.  Angesichts von Digitalisierung und Automatisierung fragen sich viele Menschen, ob sie in Zukunft überhaupt noch einen Job haben werden. Gleichzeitig steigt die Ungleichheit in Deutschland und global, viele Menschen finden nur noch prekäre Jobs. Neue Arbeitsorganisationsformen und indirekte Steuerung erhöhen den Druck auf Beschäftigte. Die Fälle von Burnout durch Leistungs- und Konkurrenzdruck häufen sich. 

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Mehr als Digitalisierung

 

Der Wandel der Arbeitswelt bedeutet mehr als Handy-Apps und Fertigungsroboter. Dass wir heute anders und produktiver arbeiten als früher, hat nicht nur mit Technik zu tun, sondern in erster Linie damit, wie wir unsere Arbeit organisieren können. Je besser wir darin werden, Arbeit aufzuteilen und zu organisieren, desto produktiver ist das für uns als Gesellschaft. Die Grundlage der Produktivitätssteigerungen der letzten Jahrzehnte ist unsere Fähigkeit, uns mit dem gesellschaftlichen Sinn unserer Arbeit auseinandersetzen zu können. Diese Fähigkeit haben wir in den letzten Jahrzehnten  nach und nach entwickelt. Der Wandel der Arbeitswelt und auch die Digitalisierung sind ein Ausdruck dieser Entwicklung. 

Das Potential dieser produktiven Fähigkeiten und der neuen Arbeitsorganisationsformen können wir aber nur voll entfalten, wenn wir die Strukturen betrieblicher und unternehmerischer Mitbestimmung ausbauen und weiterentwickeln. Die Beschäftigten tragen in den Unternehmen einen Großteil der Verantwortung. Sie und die Betriebsräte müssen an den unternehmerischen und betrieblichen Entscheidungen stärker beteiligt werden. Wir brauchen starke Mitbestimmung in allen Unternehmen, indem wir die gesetzlichen Hürden herabsetzen - und die Beschäftigten sich besser organisieren. Auch in unserer Region ist das ein wichtiges Thema: Viele Betriebe weisen einen schlechten Organisationsgrad und keine Tarifbindung auf. 


 

Nicht nur für Profite arbeiten

 

Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit - Klimagerechtigkeit, Wandel der Arbeitswelt, Globalisierung - können nur erfolgreich sein, wenn sie auch die Wirtschaft einbeziehen - also wie wir arbeiten, wie und welche Waren oder Dienstleistungen wir herstellen. Für kapitalistische Unternehmen ist das bestimmende und letztlich entscheidende Ziel, dass die Produktion profitabel für die Anteilseigner*innen und Unternehmenseigentümer*innen ist. Für uns als Gesellschaft hingegen gibt es viele andere Ziele, die wir mit Arbeit und Wirtschaft verfolgen. Sinnvoll für uns sind zum Beispiel gute Lebensbedingungen für alle Menschen, Straßen ohne Schlaglöcher, ein störungsfreies Handynetz, ein schonender Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen, saubere Schwimmbäder, eine leistungsstarke öffentliche Verwaltung, Gleichstellung der Geschlechter, und noch vieles mehr. DIese Ziele müssen wir miteinander in Ausgleich bringen und dabei abwägen, welches wir mit welchen wirtschaftlichen Mitteln verfolgen. 

Heute setzen sich die Menschen in ihrer Arbeit oft schon mit der gesellschaftlichen Rolle ihrer Arbeit auseinander. Beispielsweise indem sie in Gruppen oder Teams Ziele erarbeiten und umsetzen. Indem sie selbstständig ihre Arbeit organisieren. Oder indem sie gemeinsam mit anderen den Kontakt mit Kund*innen verbessern oder Produkte und Konzepte weiterentwickeln. Dabei beziehen sie häufig auch die Auswirkungen auf andere Menschen, soziale Verhältnisse, Natur und Gesellschaft mit ein. Allerdings verhindert die Beschränkung des unternehmerischen Zwecks auf den Profit, diese Auswirkungen wirklich gegeneinander abzuwägen.

Das könnten wir aber ändern. Wir können die Möglichkeiten der Beschäftigten, sich mit den Auswirkungen ihrer Arbeit auf Natur und Gesellschaft auseinanderzusetzen, ausweiten. Dies könnte beispielsweise über eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes geschehen. Kommunale Unternehmen könnten dabei vorweggehen und ihren Beschäftigten ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Führungspositionen einräumen. 


 

Bessere Arbeit, mehr Freizeit

 

Strukturwandel, neue Arbeitsorganisationsformen und Produktionsmethoden bedeuten häufig den Wegfall gut bezahlter Beschäftigungsverhältnisse, an deren Stelle schlecht bezahlte und prekäre Jobs treten. Das sehen wir aktuell beispielsweise in Krefeld bei Siempelkamp und an vielen anderen Orten. Gleichzeitig steigen die Profite der Unternehmen.

Produktivitätssteigerungen zum Beispiel durch Digitalisierung, Automatisierung und neue Formen der Arbeitsorganisation dürfen sich nicht nur in höheren Profiten niederschlagen. Wir könnten sie auch nutzen, um mehr Freizeit für uns zu schaffen, durch Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnerhalt. Geringere Wochenarbeitszeiten bedeuten nicht nur mehr Freizeit, sondern auch eine bessere Verhandlungsposition Arbeitender und Arbeitssuchender bei Gehalt und Arbeitsbedingungen.

Voraussetzung dafür ist aber, dass wir die Entscheidung, wie wir unsere höhere Produktivität nutzen, nicht Einzelnen überlassen. Wir alle, die mit all den verschiedenen Tätigkeiten unsere Gesellschaft am Laufen halten, haben deshalb ein Interesse daran, gemeinsam und demokratisch darüber zu bestimmen, wie wir arbeiten und unser gesellschaftliches Leben gestalten wollen.